Aotearoa

Ich fühle es wirklich in meinen Zellen, dass ich auf der anderen Seite der Erdkugel meine Füsse auf die Erde setze. Nicht nur sind hier die Tage gerade maximal hell und der Sommer in seiner vollen Blüte, während ich aus den kalten und vor allem dunkeln Winternächten Europas anreise. Sondern ist auch die Zeit exakt auf den Kopf gestellt. Während meine Freunde und die Familie zu Hause um 7 a.m. noch verschlafen auf den Wecker blinzeln, sitzen wir beim Abendessen an der, sich langsam dem Horizont nähernden Sonne, und lassen den Tag ausklingen. Legt sich dann der Nachthimmel über uns, so erblicke ich einen anderen Sternenhimmel und vor allem den Mond in verdrehter Richtung. Die oft so hilfreiche Eselsbrücke eines „a“s für abnehmender Mond und eines „z“ für zunehmender Mond funktioniert hier nicht mehr.

Die sanften, von Wiesen und Wäldern bedeckten Hügel täuschen aus der Ferne eine Ähnlichkeit zu meiner Heimat an, während mich das Autofahren mit Steuerrad rechts und Fahrtrichtung links schonungslos ins Hier und Jetzt holt. Nicht nur das Autofahren ist auf den Kopf gestellt, sondern auch das Fussgänger sein. Zebrastreifen suche ich vergeblich, halsbrecherisch sind die Strassenüberquerungen zu Fuss. Bin ja auch die Einzige, welche auf solch verwegene Ideen kommt.

Gerufen fühle ich mich von den Maoris und ihrer Sprache, welche so viel über ihre Einstellung zur Natur und dem Leben aussagt. Noch rar sind meine Kenntnisse des Volkes, seiner Kultur und Sprache, doch gross ist mein Respekt. Es ist berührend wie unsagbar stimmig, dass in Te Reo Maori, Berge Bezeichnungen bekommen, welche ganze Geschichten zu ihrer Entstehung oder ihrem Standort beinhalten. Zum Beispiel gibt es die Legende zum Mt Maunganui, welcher in Te Reo Maori mit Mauao bezeichnet wird, als „vom Morgengrauen eingefangen“ und macht sogleich neugierig, wie wohl der Berg zu seinem Namen kam. Und auch Neuseeland selbst wird in der Sprache der Maori Aotearoa benannt, was so viel bedeutet wie „Land der langen weissen Wolke“. Die Sprache macht offensichtlich, was die Kultur der Maoris bewahren konnte und unserer abhanden kam. Te Reo Maori lässt bei jeder Bezeichnung eines Ortes, eines Berges oder einer Insel sogleich lebendige Bilder vor dem inneren Auge entstehen und berührt das Herz. Die Basis einer Beziehung ist gegeben und Beziehungen werden gepflegt, was sich in einem wertschätzenden Umgang der Maori mit Mutter Erde widerspiegelt. Ungleich ist es in unserer Sprache, wo die Natur objektiviert und somit auf Distanz gehalten wird. Für die Maoris hingegen sind Bäume, Pflanzen und Berge lebende Wesen, welche eine Geschichte haben. Durch diese Geschichte und ihre Namen werden sie zu ebenbürtigen Gegenübern, welche nichts weniger als unseren vollen Respekt verdient haben.

Im Sinne des zentralen nationalen Symbols Neuseelands, dem Silberfarn, wünsche ich uns allen fürs 2026 Verbundenheit mit der Natur, Frieden und einen harmonischen Neubeginn. Nga mihi a te tau hou!

Kommentar verfassen